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Auf halben Weg zwischen Florenz und Siena

Den Genüssen von Buscetta, Panini und Pizzen nicht ausweichen können, dem italienischen Charme stets erliegend und den Erzählungen von einem traditionsreichen Land vertrauend, beschlossen meine Freundin und ich, die Dingen auf Wahrheitsgehalt zu prüfen. Ein kompletter Jahresurlaub, aber nicht Jahresgehalt sollte dafür herhalten. Erste und viel zu umfangreiche Flut von Informationen aus dem Reisebüro, ließen eine ungeahnte Tragweite zu.

Also griffen wir zu 20 – 30 Reiseführern und klappten alle Bücher innerhalb einer halbe Stunde wieder zu. Zeit für einen Cappuccino bei Alessio. Selbst aus Sardinien stammend, schmeichelte er mit seiner Jugendliebe, der Toskana. Übrig blieben 2 Reiseführer. Mit Schaudern lasen wir über Kulturschock Florenz, tourismusgeschädigten Siena und San Gimignano, von Abteien in Klöstern, von weingeschwängerten Chianti und und und, die Bücher schlossen wir erneut. Nein, das klang alles nach “Wir brauchen Urlaub nach dem Urlaub“. Und doch war das Herz für die Toskana entflammt.

Florenz

Florenz ©iStockphoto/SerrNovik

Letztendlich fiel unsere Wahl auf einen Ort, welcher sich entlang eines Bergrückens erstreckt, eher bescheiden als dominant wirkt und uns auf die Spur des „Herrn Arnolfo“ führt. Im Elsa-Tal liegt das mit seinen knappen 20.000 Einwohner eher beschauliche Städtchen Colle di Val d’Elsa.

Amüsiert quartierten wir uns im Hotel Arnolfo in der Via Francesco Campana ein. Wie sich etwas später schnell herausstellte, ehrt Colle di Val d’Elsa seinen Sohn Arnolfo di Cambio überschwänglich. Es gibt hier den Piazza Arnolfo, das Torre di Arnolfo, das Restaurant Arnolfo, Denkmal und Statue Arnolfo und unser Hotel Arnolfo. Dabei war der florentinische Baumeister und Bildhauer eher Rom und Florenz unterstellt. Ihm verdanken der Kardinal Annibaldi und der Papst Bonifatuis VIII ihre Grabmäler. Viele Florentiner Bauten tragen seinen Schriftzug.

Da Colle di Val d’Elsa fast im Herzen der Toskana liegt, waren von Anfang an Ausflüge nach Florenz, nach Volterra und Siena, in die Türmestadt San Gimignano, sowie eine mineralische Trinkkur in Cambassi Terme mit eingeplant.

Doch kaum angekommen und bevor uns das Geld ausgeht, wurde das Restaurant Arnolfo angesteuert. Da unser Hotel nur mit 3 Sternen behaftet und vielleicht nur zwei Sterne wert war, überwältigten uns die Räumlichkeiten des eher niveauvollen Restaurants. Stilvoll die Möbel, lichtdurchflutet der Raum, Kristall wohin man schaut. Nein, wir fühlten uns zu jung für so viel Prunk und nahmen auf der Terrasse Platz, mit Blick über das Elsa-Tal, hinauf zu den Hügeln der Toskana. Wir genossen unsere Ankunft. Ein älteres Ehepaar, selbsternannte Toskanakenner, berichteten überschwänglich vom imposanten Weinkeller. Übrigens zeigten sie uns ein paar Tage später ihre Unterkunft, auch 3 Sterne. La Vecchia Cartiera, eine alte Papierfabrik aus dem 13. Jahrhundert, welche schon allein durch seine über 130 Fenster überzeugt, liegt übrigens nahe der Piazza Arnolfo.

Colle di Val d’Elsa ist eine zweigeteilte Stadt. Während der Stadtteil Castello durch seinen Dom und sein mittelalterliches Ambiente überzeugt, wiegt sich Borgo, hier auch unser Hotel, im Stil der Renaissance. Wenn wir zurückblicken, gehörte die Campana-Brücke zu den unumgänglichen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Sie verbindet Borgo mit Castello. Nur noch durch den monströsen Torbogen hindurch und man befindet sich in Castello. Der Torbogen gehört mit zum Palazzo Campana, einem Palast aus dem 16. Jahrhundert. Die großen Fenster, Säulen und sogar der Balkon zeugen von einer doch ruhmesreichen Zeit. Ein anderer Torbogen, Porta Nova, befindet sich im Westen Borgo. Zwei mächtige Wachtürme zählen zur Militärarchitektur des 15. Jahrhunderts. In der Stadt lassen sich auch das Teatro die Varii, das Archäologische Museum, das Kloster San Francesco, der Dom oder die Kirche Santa Catarina begutachten. Doch lockt Florenz, Siena und Volterra mit Gleich-oder Höherwertigem und einen Kulturschock wollten wir nicht erleiden. Wer keine Zeit hat, bei Shoppingtouren und auf Märkten sich dem Kristall zu widmen, genießt die leichte Kühle im Museo dell Cristallo.

Um dieser Flut an Mittelalter mal zu entliehen, erwies sich Colle di Val d’Elsa als goldrichtig. Das Flussufer wurde unser kleines Paradies. Zwar soll der Spazierweg nur 2km lang sein, aber wir konnten dort Stunden verbringen. Dass der Fluss dabei durch die mittelalterliche Mühle Molino il Moro fließt und mal als Antriebskraft für die Maschinen der Papierfabrik dienten, nahmen wir eher unbeeindruckt zur Kenntnis. Vielmehr beeindruckte uns die artenreiche Pflanzen-und Tierwelt. Stockenten zogen ihre Kreise, durch kleine Brücken hindurch. Flusskrebse und sogar Süßwassermiesmuschel zogen uns in den Bann. Wie kleine Kinder, die freien Auslauf bekamen, überquerten wir Holzgeländer, Treppen und kleinere Flussübergänge, tummelten rund um die Felsen, gedachten auf unsere Art den Herrn Medici und fühlten uns wie kleine Toskanaratten.

Selbstverständlich besuchten Siena, Florenz und ließen uns sogar überzeugen das Herz Chianti, Greve zu besuchen. Die Schnellstraße nahe Colle di Val d’Elsa ermöglicht eine rasche Hin-und Heimkehr.

„Wer nicht in Florenz war, war nicht in der Toskana“, konnten wir nicht ganz folgen. Sicherlich besticht Florenz, das „Venedig der Toskana“ durch seine Kultur und Architektur. Ohne die Hügel, die Zypressen, den Wein, seinen unzähligen Schlössern und Burgen wäre die Toskana nicht das was es ist, eine Landschaft wie für ein Bilderbuch gemalt.

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