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Die letzten Urwälder Europas in Polen entdecken

Echte Urwälder sind in Europa aufgrund der Jahrtausende langen Besiedlung durch den Menschen kaum noch zu finden. Nur in der russischen Taiga und im Norden Skandinaviens trifft man noch auf unberührte, dunkle Wälder, die von der Veränderung durch den Menschen verschont geblieben sind. Doch auch wer nicht so weit in der Ferne schweift, kann einen solchen Naturschatz entdecken. Ganz im Osten Polens befindet sich schließlich Europas letzter Tiefland-Urwald. Der Białowieża-Nationalpark an der Grenze zu Weißrussland fasziniert mit seinen völlig dem Lauf der Natur überlassenen Mischwäldern und ist berühmt für seine Wisent-Population. Diese haarigen Riesen waren bereits 1921 ausgerottet, konnten aber durch ein erfolgreiches Nachzuchtprogramm von 56 Exemplaren, die in zoologischen Gärten überlebten, wieder angesiedelt werden. Ab 1956 wurden die Tiere im Nationalpark ausgewildert und heute gibt es daher eine recht stabile Population von etwa 450 Tieren, die man mit viel Glück im Park bewundern kann.

Urwald in Polen

Urwald in Polen ©iStockphoto/Aleksander Bolbot

Ein Besuch im Białowieża-Nationalpark, der sich über die polnische Woiwodschaft Podlachien sowie die weißrussischen Woblasze Brest und Hrodna erstreckt, lohnt sich aber auch aus vielen anderen Gründen. Schließlich kann man in dem ausgedehnten Waldkomplex zahlreiche seltene Tier- und Pflanzenarten bewundern und den natürlichen Prozess eines Waldes bestaunen. Hier bleiben umgefallene Baumriesen einfach liegen und gehen erneut in den Kreislauf der Natur ein. Pilze und Pflanzen zersetzen langsam den Baumstamm, während die jungen Bäume das einfallende Licht nutzen, um schnell in die Höhe zu wachsen und die Lücke wieder zu schließen. Ein faszinierender Prozess, den man nur noch selten in Mitteleuropa bestaunen kann. Um den Wald und seine Geheimnisse zu verstehen, lohnt sich daher auch eine Führung mit einem ortskundigen Führer. Das Kerngebiet des Nationalparks darf auch nur auf festen Routen mit Führern betreten werden. Auch der Eingriff des Menschen in dieses Gebiet bleibt nur auf diese Wege begrenzt. Hier dürfen umgestürzte Bäume manuell entfernt werden, aber alles andere bleibt der Natur überlassen. Auch von Schädlingen befallene Bäume werden hier nicht entfernt.

Der 105,17 km² große Nationalpark wurde 1923 als erster Nationalpark Polens gegründet und besitzt im gleichnamigen Dorf Białowieża ein interessantes Lehr- und Informationszentrum mit einer multimedialen Ausstellung über die hier lebenden Tiere und Pflanzen. Hier bekommt man eine gute Einstimmung auf den Besuch im Park und kann anschaulich erfahren, worauf man bei seiner Tour durch den Urwald beachten sollte. Schließlich gibt es für Naturliebhaber unglaubliche Schätze zu entdecken. Insgesamt 12.000 – oft bedrohte – Tierarten finden im Białowieża-Wald ein Rückzugsgebiet. Mit etwas Glück kann man daher den Schwarzstorch oder die Blauracke beobachten. Zu den hier brütenden Vögeln zählen Weißrückenspecht, Dreizehenspecht und sieben weiter Spechtarten, sieben Eulenarten, Rotdrosseln und Zwergschnäpper. Auch der stark gefährdete Schreiadler sowie der seltene Schlangenadler ziehen hier ihre Kreise hoch über dem Wald. Doch auch unten am Waldboden gibt es zahlreiche Entdeckungen zu machen. Forscher konnten hier die unglaubliche Zahl von 3.500 Pilz- und 5.500 Pflanzenarten nachweisen und zeigen damit die Bedeutung des Urwaldes. Zu den Naturdenkmälern, die man nicht verpassen sollte, gehören unter anderem die Dominator-Eiche, der König von Nieznanowo, der Imperator des Nordens, der Imperator des Südens, die Eiche Kreuz des Südens, der Wächter von Zwierzyniec und zahlreiche weitere uralte Eichen, die von der alten Geschichte des Waldes erzählen.

Seine Ursprünge hat der Wald bereits 8000 v. Chr. Im Mittelalter wurde die entlegene Region als privilegiertes Jagdgebiet der polnischen Könige genutzt und ab 1795 gelangte das Gebiet unter den strengen Schutz des russischen Zaren. So wurde das Gebiet zwar als Hudewald genutzt, aber auf Wilderei stand die Todesstrafe. Ab 1803 war zudem der Holzeinschlag in weiten Teilgebieten des Waldes untersagt und ab 1832 wurde der Wisentbestand jährlich gezählt. So konnten 1857 die stolze Zahl von 1.900 Wisenten gezählt werden, danach brach die Population allerdings durch Epidemien ein. Von den Anfang 1915 noch etwa 770 Wisenten überlebten bis zum Herbst 1917 nur 150 Tiere. Die letzten Tiere fielen in den Wirren nach Ende des Ersten Weltkriegs marodierenden Soldaten sowie Wilderern zum Opfer. Aber wie bereits berichtet, konnte der bis zu 900 Kilo schwere, mannshohe Wisent später wieder erfolgreich angesiedelt werden.

Die beste Chance, die Riesen in freier Wildbahn zu erleben, haben Gäste auf dem Bison Track. Dieser 20 Kilometer lange Pfad führt nördlich der Kernzone durch den Wald und verbindet die Winterfütterungsplätze. Im Sommer lassen sich die scheuen Tiere, die in kleinen Gruppen leben, jedoch nur in der Dämmerung blicken. Will man sie also zu Gesicht bekommen, muss man bereits um 3.30 oder 4.00 Uhr unterwegs sein. Chancen hat man aber auch am Abend. Wer dennoch glücklos bleibt, kann aber auch im Bison Reserve, welches bequem mit dem Auto zu erreichen ist, die großen Wisente bewundern. Dort kann man auch Wildpferde, Elche, Hirsche, Wölfe und Luchse von Nahem bestaunen.

Bekanntheit hat der hier lebende Wisent auch von seinem Konterfei auf einer berühmten polnischen Wodka-Marke erhalten. Der Żubrówka mit seinem typischen aromatischen Geschmack und dem charakteristischen Büffelgrashalm in der Flasche ist auch in Deutschland beliebt und in Spezialitätenläden zu bekommen. Auf einer Reise durch Polen sollte man dieses starke Gebräu unbedingt probieren und kann sich die unterschiedlich großen Flaschen als hübsches Andenken mit nach Hause nehmen.

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