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Van und Vansee

Umgeben von majestätischen Bergketten und nahe der iranischen Grenze liegt die ostanatolische Provinz Van. Abseits touristischer Trampelpfade blieb die Gegend der einstigen urartäischen Herrscher bisher vom Massentourismus verschont und gilt als Geheimtipp. Weitgehend unberührte Landschaften, atemberaubende Ausblicke auf mächtige Gebirge und der glasklare Vansee, ziehen mehr und mehr von der Natur begeisterte Wanderer, Rad- aber auch Skifahrer in ihren Bann.

Schneereiche Winter erlauben das Skifahren bis in den April. Die Abfahrten auf den gut ausgebauten Pisten mit Blick auf den See sind ein Erlebnis ganz besonderer Art. Für all jene, die Natur und Menschen gerne hautnah erleben, bieten Radtouren einzigartige Erlebnisse. Zum Beispiel die Wasserfälle des Flusses Bendimahi in der Nähe der kleinen Stadt Muradiye, die am Ostufer des Vansees liegt. Wild tosend stürzt sich der Fluss die Felsen hinab, um dann durch eine tiefe Schlucht Richtung Vansee zu fließen. Ein lohnendes Ausflugsziel, nicht nur für passionierte Wanderer, ist auch der Nemrut Dağı, ein erloschener Vulkan, der nach dem sagenhaften König Nimrod benannt ist. Der Kraterkessel ist mit 7 km im Durchmesser einer der größten vollständigen Krater der Welt und besitzt fünf Seen. Heiße Thermalquellen an den Rändern des kleinsten Kratersees Iligöl sorgen dafür, dass das Wasser an manchen Stellen bis auf eine Temperatur von 80 Grad Celsius ansteigt. Der Gipfel ist in gut fünf Stunden von Tatvan zu Fuß erreichbar. Der Lohn des Aufstiegs ist ein einmaliger Blick in den Kraterkessel und über den Vansee zu Füßen des Gebirges oder ein Bad in dem von Thermalquellen gespeisten See Ilgöl.

Van – Mosaik der Kulturen

Die wechselvolle Geschichte von Van begann schon vor über 5000 Jahren, als die ersten Besiedelungen erfolgten. Die Stadtgeschichte selbst nahm vor etwa 3000 v. Chr. ihren Anfang. Im 9. Jahrhundert v. Chr. stieg Van zur Hauptstadt des urartäischen Königreiches auf. Die Besetzung durch die Perser bedeutete den Untergang des urartäischen Reiches, das ein Teil von Persien wurde. Später zunächst von Seldschuken und dann von Mongolen erobert, bemächtigten sich schließlich die Osmanen des Gebiets. Heute ist die mit der Provinz gleichnamige Stadt Van eine quirlige, bunte Mischung aus Tradition und Aufbruch in die Moderne. Die einst abgelegene Region verfügt schon lange über gute Verkehrsanbindungen, wie einem Flughafen, Anschluss an die Europastraße E99 und eine Eisenbahnlinie. Kultur- und Kunstinteressierte kommen hier auf ihre Kosten. Van ist bekannt für die Herstellung der reich gemusterten Kelims, die nicht nur als Teppich, sondern auch als Wandschmuck dienen.

Die einheimischen Silberschmiede hingegen sind stolz auf ihr traditionsreiches Silberhandwerk. Die Region gilt als Wiege des Silberhandwerks und war lange Zeit die Hauptförderquelle des edlen Metalls. Tatsächlich wird hier der Ursprung der Silberförderung und Verarbeitung vermutet. Über all dem thront unvergänglich die Burg von Van oder Van kalesi, eine geschichtsträchtige Ruine von gewaltigen Ausmaßen. Symbol der Macht altorientalischer Herrscher. Manche Stellen in den trutzigen Mauern der Feste weisen urartäische Keilinschriften aus der Zeit von Sarduri II auf und im Schatten der imposanten Torbögen und Rundtürme ist der Geist der Vergangenheit noch immer spürbar.

Van

Van ©iStockphoto/therojen

Vansee – Gigant in Türkis

Zu Füßen der Burganlage schimmert der Vansee in allen denkbaren blaugrünen Farbabstufungen. Der fast karibisch anmutende Anblick lässt ahnen, warum die Farbe Türkis ihre Namensgebung der Türkei verdankt. Mit einer Fläche von 3.740 km², einer maximalen Tiefe von 451 Metern und einer Uferlänge von 430 Kilometern, ist der Vansee siebenmal größer als der Bodensee und das größte Binnengewässer der Türkei. Wegen seiner hohen Konzentration an Salzen friert der See auch in kalten Wintern nicht zu. Das alkalische Wasser beherbergt nur wenig Leben. Lediglich Algen und eine Karpfenart, die im Brackwasser in der Nähe der Flussmündungen lebt, konnten sich an die Bedingungen im See anpassen. Dennoch eignet sich der Vansee auch zum Baden und im Sommer lädt das kristallklare, türkis leuchtende Wasser dazu ein, in seinen Fluten unterzutauchen.

Überdies kann der See mit einem Seeungeheuer aufwarten. Einer Legende zufolge soll ein saurierähnliches Ungeheuer im See sein Unwesen treiben. Sogar eine Gruppe von Forschern stellte Untersuchungen an, konnte aber nichts finden, was auf die Existenz eines Seeungeheuers schließen ließ. Nicht annähernd so unheimlich, dafür aber völlig unbestritten, ist die Existenz der seltenen Vankatze, die in dieser Gegend beheimatet ist. Mit ihren häufig verschieden farbigen und rätselhaften Augen wirkt sie zuweilen genauso geheimnisvoll wie das im See vermutete Ungeheuer.

Auf den Spuren von Uratäern, Seldchuken und Armeniern

Im südlichen Teil des Sees liegt die zweitgrößte Insel Akdamar oder auch Ahtamar genannt. Sie ist über eine Personenfähre erreichbar und wird auch von Einheimischen als Ausflugsziel geschätzt. Einst galt die Insel als kulturelles Zentrum der Armenier und war die Residenz des Königs von Van, der dort im 10. Jahrhundert neben seinem Palast mit Terrassen und Gärten, auch ein Kloster erbauen ließ. Davon übrig geblieben ist nur die Klosterkirche „Zum heiligen Kreuz“ – ein faszinierendes Beispiel armenischer Bau- und Gestaltungskunst. Die Außenwände der Kirche sind mit reich verzierten Reliefs geschmückt, die alttestamentarische Geschichten aus der Bibel erzählen. Im Inneren finden sich auf den Wänden zum Teil noch gut erhaltene, bunt bemalte Fresken und ein Altar mit dem Abbild der Maria mit dem Kind. Die Kirche gilt als Kulturdenkmal und wurde 2007 wiedereröffnet, allerdings ohne christliches Kreuz. Im Jahr 2010 entschloss sich die türkische Regierung zum ersten Mal seit 100 Jahren, einen Gottesdienst stattfinden zu lassen und die Streitigkeiten um das Kreuz wurden beigelegt. Seitdem schmückt ein zwei Meter hohes Kreuz das Dach der Kirche.

Aber nicht nur die Kirche selbst ist ein Besuch der Insel wert, sondern auch der atemberaubende Anblick des Cadir Dağı, der von der Sonne in goldfarbenen Ocker getaucht, erhaben in den kobaltblauen Himmel ragt.
Die ungefähr zur gleichen Zeit erbauten Klöster Karmravank und Ktuts sind ebenfalls einen Besuch wert. Während Karmravank am südlichen Ufer liegt, befindet sich das ehemalige armenische Kloster Ktuts circa einen Kilometer östlich vom Seeufer entfernt auf der Insel Çarpanak. Das Kloster Narekawank nahe dem südlichen Ufer des Vansees, existiert hingegen nicht mehr. Es wurde im Jahr 1915 vollständig zerstört. An seiner Stelle befindet sich heute die Moschee eines kurdischen Dorfes.

Ein weiteres Zeugnis der kulturellen Vielfalt in der Region ist der seldschukische Friedhof der Stadt Alath am Westufer des Sees. Seine Grabsteine aus dem 12. bis 15. Jahrhundert sollen demnächst zum UNESCO-Welterbe erklärt werden.Bei Cavustepe, einem Dorf am südöstlichen Teil des Vansees am Hang des Bol Dağı gelegen, befindet sich die Festungsruine Šardurihinili oder auch Sarduris Stadt genannt. Erbaut von Sarduri II. um 764 und 735 v. Chr. wurde sie vermutlich durch die Skythen im 7. Jahrhundert v. Chr. wieder zerstört. Der Grundriss der Anlage, die aus einer Akropolis, einer Unterstadt, zwei Tempeln, dem Palast samt Ställen und Werkstätten besteht, ist jedoch erhalten geblieben. Die Funde der Ausgrabungen sind im Museum von Van zu bewundern.

Auch einen Besuch wert ist die Burg Hosap in der Nähe des Dorfes Güzelsu. 1643 unter Mahmudi Süleyman erbaut, ist die Festung nicht ganz so alt, wie viele andere Burganlagen und Klöster der Gegend, dafür aber dennoch sehr beeindruckend. So hat sich das Grenzgebiet zum Iran im Laufe der Zeit zu einer echten Alternative zu den klassischen Reisezielen der Türkei entwickelt. In diesem historisch so bedeutsamen Landstrich gibt es viel zu entdecken. Unverbrauchte Landschaften von herber Schönheit, lebendiges Brauchtum, alte Traditionen und mystische Orte. Wer sich in das Reich der frühen Hochkulturen aufmacht, wird eine unvergessliche Reise durch die Zeit erleben.

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