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Die Region Zentralanatolien

Zentralanatolien: Kernregion der Türkei

Die Türkei gehört nicht nur bei deutschen Touristen zu den beliebtesten Urlaubszielen. Die meisten Türkei-Besucher zieht es an die erholsamen Badeurlaub versprechenden Küstenregionen des Landes am Mittelmeer und am Schwarzen Meer. Top-Destination für Städtereisende ist unbestritten die Zwei-Kontinente-Metropole Istanbul. Aber die Türkei hat jenseits dieser touristischen Hauptströme ebenso lohnende Ziele zu bieten. Zu den eher unbekannten Regionen gehört Zentralanatolien (İç Anadolu), das eigentliche historische Kernland der Türken. Das im Norden an die Schwarzmeerregion, im Osten an Ostanatolien, im Süden an die Mittelmeerregion und im Westen an die Ägäisregion grenzende Zentralanatolien stellt die geographische Mitte der Republik Türkei dar.

Die zweitgrößte der sieben türkischen Regionen hat eine Fläche von 151.000 qkm und ist damit etwa halb so groß wie Deutschland. Die etwa elf Millionen Einwohner in Zentralanatolien sind überaus ungleichmäßig verteilt (77 Einwohner je qkm, Deutschland: 229). Die meisten Einwohner leben in den großen Städten der Region. Gut die Hälfte der Zentralanatolier haben in der Landeshauptstadt Ankara ihr Zuhause. Mit Konya (2 Mio. Einwohner) und Kayseri (1,3 Mio. Einwohner) gibt es zwei weitere Millionenstädte in Zentralanatolien. Die nächstgrößeren Städte sind Eskişehir (690.000 Einwohner), Aksaray (350.000), Sivas (290.000), Kırıkkale (190.000) und Karaman (180.000). Der nur sehr dünn besiedelte ländliche Raum ist lediglich zum kleineren Teil landwirtschaftlich genutzt und wirkt auf den Besucher dadurch weit und ursprünglich.

Landschaftlich ist Zentralanatolien außer durch einige bewaldete Mittelgebirgszüge, dem Taurus-Gebirge im Südteil sowie den Tuffstein-Landschaften von Kappadokien vor allem durch trockene Steppengebiete der inneranatolischen Hochebene geprägt. Zentralanatolien ist bekannt für seine heißen Sommer (kalte Nächte!) und frostigen Winter.

Ankara: Atatürks Hauptstadt

Ankara, die mit ihren fünf Millionen Einwohnern zweitgrößte türkische Stadt, steht in einem friedlichen Konkurrenzverhältnis zur berühmten ehemaligen Osmanen-Hauptstadt Istanbul. Angora, wie Ankara bis 1930 genannt wurde, ist vor etwa 3000 Jahren gegründet worden. Die Stadt kann auf eine wechselvolle Vergangenheit im Zusammenhang mit von Phrygern, Hethitern, Galatern, Römern, Byzantinern, Arabern und Seldschuken sowie schließlich Osmanen stehenden Umbrüchen und Kontinuitäten zurückblicken. Bis ins 20. Jahrhundert hatte Angora auch nicht annähernd die Berühmtheit und Bedeutung der glänzenden Bosporus-Metropole Konstantinopel/Istanbul erlangen können. Durch die Ereignisse, die zur Gründung der Republik Türkei nach dem Ersten Weltkrieg geführt haben, hat sich die Stellung Angoras/Ankaras allerdings wesentlch geändert. Zwar ist Ankara außerhalb der Türkei immer noch selten mehr als nur dem Namen nach bekannt, doch in der Türkei gilt die am Köroğlu-Gebirge inmitten Zentralanatoliens liegende Großstadt als moderner Gegenentwurf zu Istanbul und als nationale Ikone. Hier sammelte sich unter der Führung des nicht nur in Ankara im Stadtbild allgegenwärtigen Feldherrn und Republikgründers Mustafa Kemal, genannt „Vater der Türken“ („Atatürk“) der nationale Widerstand gegen die nach der osmanischen Niederlage im Ersten Weltkrieg das Land aufteilenden Siegermächte.

In Abgrenzung zur Sultansstadt Istanbul wurde die 25.000 Einwohner zählende Provinzstadt Ankara 1923 zur türkischen Hauptstadt erklärt und entwickelte sich in den folgenden 90 Jahren zur Riesenmetropole mit vorwiegend modernem Antlitz. Außerhalb der kleinen, enggassigen Altstadt beeindruckt Ankara vor allem in den von Regierungsgebäuden und Botschaften geprägten Stadtvierteln Kavaklıdere und Kızılay mit den superbreiten Boulevards und vielen Wolkenkratzern. Bei Touristen sehr beliebt ist das Stadtquartier Hamamönü mit seinen liebevoll restaurierten historischen Häusern (19. Jahrhundert), in denen zahlreiche Cafés und Galerien zum Verweilen einladen. Trotz zunehmender städtebaulicher Verdichtung weist das von Atatürk als grüne Gartenstadt inmitten der trockenen Hochebene konzipierte Ankara noch immer relativ viel Parkgrün auf. Die bekannteste Grünlage ist der 28 ha große, im Stadtteil Ulus gelegene „Gençlik Parkı (Jugendpark)“, der heute als ein viel besuchter Vergnügungspark genutzt wird.

Ein Muss für alle Ankara-Besucher ist das Mausoleum Anıtkabir auf dem innerstädtischen Hügel Anıttepe. Hier fand der Leichnam des 1938 gestorbenen Staatsgründers Atatürk in einem monumentalen Säulenbau, dem ein Atatürk-Museum angeschlossen ist, sein Grabmal. Sehenswert und von historischer Bedeutung sind die beiden ehemaligen Parlamentsgebäude aus der frühen Republikzeit, die heute als Museen dienen, und die alte Zitadelle im Stadtkern. Internationalen Ruf als eines der wichtigsten archäologischen Museen der Welt genießt das als „Hethitermuseum“ berühmte „Museum für anatolische Zivilisationen (Anadolu Medeniyetleri Müzesi)“. In der Nähe der Altstadt, im Stadtquartier Kocatepe, erhebt sich die mächtige, 1987 eingeweihte Kocatepe-Mochee. Pragmatischerweise befinden sich im Untergeschoss des im klassisch-osmanischen Stil nachgebauten Vier-Minarette-Baus unter anderem ein Supermarkt und Teehäuser. Die Moschee gilt als eines der Wahrzeichnen der Hauptstadt. Ferner sind noch einige Artefakte aus der Römerzeit,
wie die Julians-Säule und die altrömische Therme zu bewundern.

Zentralanatolien

Zentralanatolien ©iStockphoto

Ob der unter dubiosen Umständen unbekümmert von richterlichen Verboten in einem von Atatürk geschaffenen Naherholungsgebiet im westlichen Ankara gebaute und 2014 von Präsident Recep Tayyip Erdoğan eingeweihte 1000-Zimmer-Protzbau „Weißer Präsidentenpalast“ politisch korrekt ist und sich ein Besuch überhaupt lohnt, ist allerdings äußerst umstritten.

Konya und Çatalhöyük: Derwische und Jungsteinzeit

Gut 200 km südlich der Hauptstadt liegt die Zwei-Millionen-Einwohnerstadt Konya auf einer von bis zu 2300 m hohen Bergen flankierten Hochebene. Der bereits in vorchristlicher Zeit besiedelte Ort war im Mittelalter Residenz der mächtigen Rum-Seldschuken-Sultane. Konya ist heute bekannt als Zentrum konservativ-islamischer Strömungen. Der hier im 13. Jahrhundert wirkende islamische Mystiker Dschalal ad-Din Muhammad Rumi, auf den der bekannte Mevlevi-Derwisch-Orden zurückgeht, hat hier seine letzte Ruhe gefunden. Sein Mausoleum gilt als eines der bedeutendsten Bauwerke der Stadt. Es ist heute ein weltbekanntes Sufismus-Museum (Mevlana Cadesi) und ein Wallfahrtsort für Muslime.

Etwa 50 km südöstlich der Stadt lädt die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Ausgrabungsstelle Çatalhöyük zu authentischen Einblicken in den Siedlungsalltag jungsteinzeitlicher Anatolier ein. Hier lebten bereits vor über 9000 Jahren mehrere tausend Menschen in einer Großsiedlung zusammen.

Eskişehir: Lebenswerte Universitätsstadt

Im Vergleich zum eher konservativ ausgerichteten Konya herrscht im etwa 200 km westlich von Ankara gelegenen, von Fluss Porsuk durchflossenen Eskişehir eine liberalere Atmosphäre. Eskişehir, umgeben von Bergen und Wäldern, ist kulturell von seinen beiden großen Universitäten geprägt. Die für ihre Meerschaum-Tradition („Stein von Eskişehir“) bekannte Großstadt kann mit hervorragenden kulturellen Angeboten wie Operaufführungen, Konzerten und dem alljährlichen „Internationalen Eskişehir Festival“ sowie dem Erlebnispark „Kent Park“ punkten. Die Entscheidung, dem wachsenden Verkehrsdruck nicht – wie sonst in der Türkei üblich – durch Straßenneubauten, sondern durch Sperrung von Innenstadtbereichen für den Autoverkehr zu begegnen, hat eine überaus angenehme Flanieratmosphäre in der Stadt geschaffen.

Kappadokien: Tuffstein-Land mit uralter Wohnqualität

Das „Kappadokien“ genannte, von der historischen Seidenstraße durchzogene Gebiet um die Großstädte Kayseri und Aksaray, ist in geologischer Hinsicht für bizarre, an märchenhafte Mondlandschaften erinnernde Landstriche berühmt. Aufgrund vulkanisch bedingter Verwerfungen in erdgeschichtlich jüngerer Zeit sowie folgender Erosionsprozesse ist ein etwa 10.000 qkm großes Gebiet mit einzigartigen, oft turmhohen Tuffstein-Gebilden („Feenkamine“) entstanden. Bis in jüngste Zeit nutzten die Bewohner der Gegend die Weichheit des Gesteins zum Bau von Wohnungen, christlichen Sakralbauten, Vorratsräumen und Ställen sowie von Verstecken vor marodierenden Fremden. Im Lauf der Zeit sind so ganze, teilweise durch Gänge miteinander verbundene Siedlungskomplexe mit bis zu 10.000 Einwohnern entstanden. Zu den berühmtesten dieser Höhlenstädte gehört das 1985 ins UNESCO-Welterbe aufgenommene, in der Nähe von Nevşehir liegende Göreme. Vor 2000 Jahren haben hier erstmals Menschen begonnen, sich in den Tuffstein zu graben ,
Die größte touristisch erschlossene Höhlensiedlung ist das unweit davon gelegene Derinkuyu.

Tipp: Einzigartige Eindrücke von Kappadokien können Besucher bei einer Ballonfahrt über diese Landschaft gewinnen. Kappadokien bietet sich zudem als hervorragendes Wanderrevier an.

Tüz Gölü: Kleines Salzmeer

Eine geologische Besonderheit stellt auch der Tuz Gölü (Salzsee) dar, der sich mit 100 km Länge und 50 km Breite auf über 1500 qkm zwischen Ankara, Aksaray und Konya hinzieht. Der abflusslose See im Trockenland hat einen Salzgehalt von über 32 %. Er weist damit Salzkonzentrationen wie das Tote Meer auf. Die Anwohner haben sich diese Sonderheit zunutze gemacht: Mehr als zwei Drittel des in der Türkei verbrauchten Speisesalzes stammen vom Tüz Gölü. Der See ist eine beliebte Adresse für Besucher, die hier ihre Atemwegserkrankungen in der salzhaltigen Luft in einer der zahlreichen Kur-Einrichtungen kurieren möchten. Auch ein Bad im Tüz Gölü ist möglich. Hier können eigentlich nicht einmal Nichtschwimmer im für Auftrieb sorgenden Salzwasser untergehen.

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